In letzter Zeit sehe ich auf Social Media erstaunlich viele Beiträge von Fotografen und Fotografinnen, die ankündigen, mit der Hochzeitsfotografie aufzuhören. Und ich finde daran zunächst einmal überhaupt nichts falsch. Kein Beruf muss für immer der richtige sein und vielleicht sollten wir auch aufhören, jede berufliche Veränderung als Scheitern zu betrachten.
Wir haben gute Freunde, die ein funktionierendes und erfolgreiches Business als Hochzeitsfotografen hatten und trotzdem irgendwann gemerkt haben, dass sie diese Arbeit nicht mehr inspiriert. Sie haben dieses Gefühl nicht sofort zum Anlass genommen aufzuhören, sondern eine Weile beobachtet, ob es nur eine Phase ist. Es wurde nicht besser. Irgendwann haben sie aufgehört, sich feste Jobs gesucht und festgestellt, dass es ihnen damit wesentlich besser geht. Auch weil ein Druck verschwunden ist, den Selbstständigkeit zwangsläufig mit sich bringt: ständig selbst dafür verantwortlich zu sein, dass genügend Aufträge kommen, genügend Geld verdient wird und es irgendwie weitergeht.
Gleichzeitig glaube ich, dass wir vorsichtig sein müssen, Schwierigkeiten automatisch als Zeichen dafür zu interpretieren, dass wir auf dem falschen Weg sind.
Seth Godin beschreibt in The Dip, dass zwischen dem Anfang einer Sache und dem Punkt, an dem man wirklich gut darin ist und davon profitieren kann, fast immer eine unangenehme Phase liegt. Eine Art Wüste, durch die man hindurch muss. Diese Wüste gehört dazu. Wäre es einfach, auf die andere Seite zu kommen, wären dort bereits alle. Vieles von dem, was später wertvoll ist, ist gerade deshalb wertvoll, weil der Weg dorthin schwierig war.
Die entscheidende Frage lautet für mich deshalb nicht nur: Soll ich aufhören? Sondern zunächst: Woran genau leide ich eigentlich gerade?
Wenn mir die Fotografie keine Freude mehr macht, kann es sein, dass ich tatsächlich nicht mehr fotografieren möchte. Es kann aber genauso gut sein, dass ich seit Jahren die falschen Hochzeiten auf die falsche Art fotografiere. Vielleicht habe ich mich so sehr daran orientiert, was Kunden erwarten und was wirtschaftlich funktioniert, dass meine eigene Begeisterung irgendwann aus der Arbeit verschwunden ist. Dann würde ich nicht sofort den ganzen Beruf infrage stellen, sondern zunächst versuchen, die Bedingungen zu verändern. Freie Projekte machen, anders fotografieren, andere Menschen erreichen und wieder herausfinden, was mich eigentlich an Fotografie interessiert. Da sind wir beim Thema Identität, also der Frage, was möchte ich eigentlich?
Der zweite häufige Grund fürs Aufhören ist Geld. Auch hier lohnt sich zunächst ein nüchterner Blick auf das eigene Business. Wir Kreativen haben es genauso verdient, mit unserer Arbeit gut zu verdienen wie Menschen in anderen Berufen. Wenn das finanziell nicht gelingt, können Preisgestaltung, Pakete, Positionierung, Zielgruppe oder Verkauf das eigentliche Problem sein. Das sind weniger romantische Fragen als die nach Licht und Bildsprache, aber sie entscheiden darüber, ob aus einer Leidenschaft ein Beruf werden kann, der ein gutes Leben ermöglicht.
Andersherum schützt wirtschaftlicher Erfolg allerdings auch nicht davor, an diesem Beruf kaputtzugehen. Ich kenne genügend sehr erfolgreiche Fotografen, die sich über Jahre zu viel zugemutet haben. Zu viele Hochzeiten, zu hoher eigener Anspruch, zu viel Perfektionismus und zu wenig Leben außerhalb der Arbeit. Ein voller Kalender und ein hohes Einkommen sehen von außen nach Erfolg aus, können aber genauso in Erschöpfung enden.
Vielleicht liegt die Kunst deshalb darin, nicht nur zwei, sondern drei Dinge zusammenzubringen: Arbeit, die uns interessiert, ein Einkommen, von dem wir gut leben können, und eine Arbeitsweise, die uns langfristig gesund lässt. Wenn eines davon dauerhaft fehlt, sollten wir etwas verändern. Und wenn wir verschiedene Veränderungen ausprobiert haben und trotzdem merken, dass dieser Beruf nicht mehr zu unserem Leben passt, dann kann Aufhören genau die richtige Entscheidung sein.
Der richtige Zeitpunkt aufzuhören lässt sich weder an einem leeren Kalender noch an einem vollen erkennen. Entscheidend ist, ob es uns gelingt, Freude, wirtschaftliche Stabilität und ein gesundes Leben miteinander zu verbinden. Vielleicht besteht eine lange Karriere nicht darin, um jeden Preis durchzuhalten, sondern immer wieder ehrlich zu prüfen, was sich verändern muss, damit wir gerne weitermachen.


