Einfach härter arbeiten?

Heute möchten wir mit dir über Chancengleichheit, Privilegien und Selbstreflexion sprechen. Vor wenigen Tagen äußerte sich Kim Kardashian dazu, was erfolgreiche von nicht erfolgreichen Menschen unterscheidet: Die Menschen wollen heutzutage nicht mehr arbeiten oder nicht genug, dass sei das große Problem. Es dauerte nicht lange und ihre Äußerungen gingen viral, inklusive viel Gegenwind. Es ist die liebste Erzählung des Neoliberalismus: Jeder kann alles schaffen, wenn er nur genug an sich glaub und hart genug arbeitet. Diejenigen, die es "gesellschaftlich geschafft" haben, blicken auf die vermeintlichen Verlierer herab. Ihre Aussagen schlagen natürlich aufgrund ihrer Bekanntheit, aber vor allem deswegen so hohe Wellen, weil es leicht ist Menschen von einer privilegierten Position aus zu beurteilen. Gefährlich sind solche Äußerungen natürlich, weil viele junge Menschen zuhören und ihr womöglich glauben.

Menschen, die es finanziell gut getroffen haben, klopfen sich oft auf die Schulter und reden sich ein, dass sie ihren Wohlstand ja völlig verdient hätten, sie haben eben härter als alle anderen gearbeitet. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen aber, dass erfolgreiche Menschen übermäßig selbstbewusst sind, sich für bessere Menschen halten und ihren eigenen Beitrag zum Erfolg maßlos überschätzen. Die Lebensumstände, die völlig unterschiedlichen und ungerechten Startbedingungen und Chancen eines Menschen aufgrund seiner ethnischen Zugehörigkeit, sozialen Schicht oder seines Geschlechts zum Beispiel, werden dabei - Überraschung - völlig ausgeblendet.

Juliane Marie Schreiber

Viele Kollegen aus unserer Branche, die sich selbst als Coaches oder Mentoren bezeichnen, propagieren ebenfalls: Wir müssen nur härter arbeiten. Stimmt das? Sind im Umkehrschluss alle Fotograf*innen, die nicht erfolgreich sind, faul? Natürlich nicht. Ich kann im Vollsprint in die falsche Richtung laufen und mir dabei Verletzungen zuziehen. Was bedeutet es überhaupt, Erfolg zu haben? Die Coaches geben die Antwort selbst, in dem sie immer wieder von skalieren, Umsatz und verkaufen sprechen.

Wir geben dem Einzelnen die Schuld an kollektiven Problemen wie Unzufriedenheit und Depression: Wenn der Erfolg von uns selbst abhängt, dann gilt das Gleiche für das Scheitern. Du hast deinen Job verloren? Du hättest härter arbeiten sollen. Du bist krank? Du hättest dir einen gesunden Lebensstil aneignen sollen.

Rutger Bregman

Wir sehen eine große Gefahr darin, Menschen ständig pauschal in Gewinner und Verlierer einzuteilen. Unreflektierte Coaches machen das gern, denn wer Medizin verkaufen möchte, muss den Menschen vorher klar machen, dass sie krank sind. Wie viele Hochzeiten hast du dieses Jahr? Wo liegen deine Probleme? Wieviel Umsatz machst du? Ziel solcher Fragen ist immer, den Menschen klar zu machen, dass ihnen noch etwas fehlt. Du machst schon gute Umsätze, aber warum nicht noch mehr? Viele dieser Coaches gehen in unseren Augen zu unbekümmert und undifferenziert mit den Gefühlen der Menschen um. Was ist mit der Mutter, die alleinerziehend versucht ein Fotografie-Business aufzubauen? Was ist mit Menschen, die an psychischen Krankheiten leiden? Was ist mit dem Familienvater, der nicht ständig mit Ryan Air nach Mallorca fliegen kann um Styled Shoots zu fotografieren? Wie werden diese Menschen sich fühlen, wenn man ihnen ständig das Gefühl gibt, dass sie noch nicht genug erreicht haben und dass das ihre eigene Schuld ist? Ja, sicher funktioniert es. Sicher klicken viele aus dem Gefühl eines Mangels heraus auf "Kostenloses Erstgespräch vereinbaren". Aber nur weil etwas funktioniert, heißt das noch lange nicht, dass man es auch machen sollte. 

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